Kulturfenster

Jeden Monat bieten wir Ihnen auf dieser Seite einen Einblick in die unterschiedlichsten Facetten aus dem Kulturbereich, z. B. Kunst, Musik, Literatur, Brauchtum sowie Ausflugstipps.

Februar 2024

Wenn zwei Große Fastnacht feiern – der Mainzer Umzug von Paul Hindemith und Carl Zuckmayer

Dass zwei berühmte Künstler zusammenarbeiten, erscheint zunächst einmal nicht ungewöhnlich. Auf Richard Strauss und Hugo von Hoffmannsthal trifft dies ebenso zu wie auf Hans Werner Henze und Ingeborg Bachmann. Dennoch stößt man immer wieder auf die ein oder andere Überraschung. So dürfte nur wenig bekannt sein, dass der Komponist Paul Hindemith (1895-1963) und der Schriftsteller Carl Zuckmayer (1896-1977)  – beide zählen auf ihren Gebieten zu den wichtigsten Vertretern der ersten Hälften des 20. Jahrhunderts – in ihrer späten Schaffensphase ein einziges Mal zusammenarbeiteten. Und dann dreht sich auch noch alles um die Mainzer Fastnacht.

Beide Künstler verband eine jahrzehntelange Bekanntschaft, erste Kontakte gab es bereits während der 1920er Jahre, die Begegnungen waren von gegenseitiger Wertschätzung geprägt. Der Kontakt dürfte über Zuckmayers Bruder Eduard zustande gekommen sein, ein Pianist und Dirigent, der 1920 auch ein Werk Hindemiths uraufführte, und später, auf Empfehlung des Komponisten, in der Türkei das Musikleben prägte. „Paulchen“, wie Zuckmayer Hindemith nannte, beeindruckte den Schrifsteller schon früh durch seine kühne Musiksprache aber auch durch seine Fähigkeit zu Parodie und Komik. Aber auch der Komponist zeigte sich fasziniert von „Old Zuck“ (so unterschrieb der Karl May-Verehrer gerne seine Briefe), Anfang der 1930er Jahre hatte er den Hauptmann von Köpenik in Berlin gesehen und auch erwogen, Zuckmayer mit dem Verfassen eines Opernlibrettos zu beauftragen. Daraus wurde jedoch nichts, denn Hindemith ging dazu über, sich seine Libretti selbst zu schreiben und auch Zuckmayer war mit anderen Projekten beschäftigt, aus den Augen verloren sich die beiden jedoch nicht.

Im Oktober 1960 bahnte sich schließlich eine Zusammenarbeit an. Zuckmayer zufolge kam es zwischen die beiden zu folgendem Dialog: „Ei Zuck, wann mache mir denn emal e Oper zusamme?“ – „Du machst Dir doch Die‘ Textbücher am liebste selbst!“ – „Is nur Notstand. Schreib mir doch emal so e rischdisch mainzer Fassenachtsstück…“ Bis zur Realisierung sollten noch gut eineinhalb Jahre vergehen, doch im Herbst 1961 plante die Stadt Mainz anlässlich der Feier des 2000 jährigen Bestehens des Römerkastells Mogontiacum eine Festmusik in Auftrag zu geben, man entschied sich für eine Kantate, die von Hindemith und Zuckmayer verfasst werden sollte. Die Entstehung des Werkes erwies sich komplizierter als erwartet, zum einen da beide Künstler noch mit anderen Projekten beschäftigt waren, zum anderen, weil Hindemith und Zuckmayer Differenzen in der Auffassung des Stoffes hatten. Hindemith riß dieses Projekt mehr oder weniger an sich, nahm starke Eingriffe in die Textvorlage vor und ließ die musikalischen Anregungen Zuckmayers weitgehend unbeachtet. Zuckmayer kommentierte Hindemiths Vorgehen mit dem Satz „Wer nur von Frankfurt ist, hat nix zu sage.“, nahm es aber hin, am Ende zeigte er sich sogar recht zufrieden mit dem Resultat.

So entstand der Mainzer Umzug für drei Gesangssolisten, Chor und Orchester. In dem knapp vierzigminütige Werk kommentieren die drei Gesangssolisten „Schöppche“ (Tenor), „Böppche“ (Sopran) und Pronobis (Bariton), einen vorbeischreitenden Umzug, in dem die Geschichte der Stadt Mainz dargestellt wird. Dabei singen bzw. sprechen Schöppche und Böppche im Mainzer Dialekt und geben ihre ganz persönlichen Kommentare zum Umzug ab, während Pronobis in Hochdeutsch die jeweilige Szene erklärt. Nicht nur der Tonfall des Mainzerischen ist deutlich herauszuhören, auch typische Wörter wie Krebbel und Schwellkopp tauchen dort auf. Die Musik Paul Hindemiths hingegen besitzt die für ihn typische Strenge und herbe Klangwelt, frei von Komik ist sie jedoch nicht. Auch bei ihr gibt es Referenzen an die Mainzer Fassenacht, so erklingen in der Einleitung des Eröffnungschores Signale, die an einen Karnevalstusch erinnern, auch der berühmte Mainzer Narrhallamarsch ist gelegentlich in der Musik angedeutet.

Dass ein solch ungewöhnliches Werk, trotz der erwähnten Differenzen zwischen den Künstlern, zustande kommen konnte mag auch daran liegen, dass sich Carl Zuckmayer und Paul Hindemith in gewisser Weise ähneln. So waren beide bis ins Alter ihrem heimatlichen Idiom treu geblieben, während das Deutsch Carl Zuckmayers von rheinhessischer Färbung war, konnte man bei Hindemith stets das Frankfurterisch heraushören. In seinen Theaterstücken Der fröhliche Weinberg und Der Hauptmann von Köpenik hat Zuckmayer auch ein Talent für die Komik erwiesen, während die 1959 erschienene Novelle Die Fastnachtsbeichte durchzogen ist von der Atmosphäre der Mainzer Fastnacht. Ebenso besaß Paul Hindemith bereits als junger Komponist einen Sinn für Komisches und Skurriles. Er provozierte sein Publikum nicht nur durch ungewohnte Klänge, sondern auch durch ungewohnte musikalische Kombinationen: in seiner Kammermusik Nr. 5 erklingt beispielsweise plötzlich der bayrische Defiliermarsch, für Streichquartett arrangierte er die Ouvertüre zum „Fliegenden Holländer“, wie sie von einer schlechten Kurkapelle morgens um sieben am Brunnen vom Blatt gespielt wird, eine Komposition, die nicht nur Wagnerianer verärgerte. Darüber hinaus zeichnete Hindemith gerne Karikaturen, die er zum Teil als weihnachtskarten verschickte. In diesem Zusammenhang berichtete Hindemiths Gattin Gertrud an Zuckmayer im Dezember 1961, ihr Mann habe, vom Warten auf Zuckmayers Text ungeduldig geworden, begonnen Nikoläuse zu malen. Ein entsprechendes Motiv findet sich auf Hindemiths Weihnachtsgrüßen von 1961.

Die Uraufführung des Mainzer Umzugs fand am 23. Juni 1962 im Stadttheater Mainz unter der Leitung des Komponisten statt und wurde zu einem großartigen Erfolg. Dieser blieb allerdings auf Mainz beschränkt, denn die Folgeaufführungen in Wien (Oktober 1962) und Berlin (Januar 1963) wurden zwar freundlich, aber befremdlich aufgenommen – für Österreicher und Preußen dürfte die Mainzer Fassenacht wohl eher ein Kulturschock gewesen sein, nicht zuletzt dank des Mainzer Dialektes. Wenngleich das Werk zwar ein Mainzer Lokalerfolg wurde, verschwand es dennoch in den Archiven des Mainzer Schott-Verlages. Erst 2018 wurde es von Herrmann Bäumer, dem GMD des Mainzer Stadttheaters, wiederentdeckt und zur Aufführung gebracht, dieses Konzert wurde auf CD mitgeschnitten.

Hier geht es zu einem kurzen Höreindruck

Lutz Riehl    

Quelle: Einführungstext zur CD-Einspielung von Paul Hindemith „Mainzer Umzug“ (erschienen bei cpo)