Kulturfenster

Jeden Monat bieten wir Ihnen auf dieser Seite einen Einblick in die unterschiedlichsten Facetten aus dem Kulturbereich, z. B. Kunst, Musik, Literatur, Brauchtum sowie Ausflugstipps.

August 2022

Ausflug zum Hoherodskopf / Vogelsberg

Wer in Frankfurt lebt und Höhenluft genießen will, fährt meistens in den Taunus. Den Vogelsberg kennen viele nicht. Er liegt etwas weiter ab und ist als Tagestour leider nur mit dem Auto erreichbar. Aber wer eine richtige Landpartie erleben will, wird mit dieser Fahrt nicht enttäuscht.

Der Vogelsberg ist der Rest eines riesigen Vulkans aus dem Tertiär, der vor 20 Mio Jahren erloschen ist. Dieser Vulkan erstreckte sich bis nach Oberhessen (Dünsberg). Eine typische Bergspitze hat der heutige Vogelsberg nicht, vielmehr erlebt man auf der Höhe von 764m (Hoherodskopf) eine sanft hügelige Hochebene mit wenigen Taleinschnitten.  Aus der Vulkanzeit erinnern noch die vielen schwarzen Basaltblöcke, besonders um den Taufstein. Hier soll Bonifatius getauft haben und man hat eine frühchristliche Taufe eindrucksvoll nachgebaut.- Im Winter ist der Hoherodskopf meistens schneesicher. Schlittenfahrten, Rodeln, Abfahrt und Langlauf mit ausgebauten Loipen erfreuen die Kinder und Sportler. 

Wir beginnen unsere Fahrt im Norden Frankfurts, biegen auf der Friedberger Ldstr. kurz vor Bad Vilbel auf die B 521 ab, fahren über Nidderau nach Altenstadt. Hinter Altenstadt verlassen wir die Bundesstraße und folgen dem Wegweiser Glauberg. Am Keltenkreisel vorbei, durch Glauberg hindurch geht’s nach Stockheim. Wir folgen der Bahnlinie nach Effolderbach und kommen kurz auf die höhergelegene B 275. Dort sehen wir links, auf einer Anhöhe ein verlassenes Klosterdorf. Konradsdorf gehört zu den Lost Places in Deutschland, ein Ort, der vor 500 Jahren verlassen wurde. Auf einem großen Bauernhof / Staatsdomäne sind die Reste der eindrucksvollen romanischen Klosteranlage erhalten, damals sehr einsam gelegen, in einer weiten Landschaft, ohne befestigte Straßen. Konradsdorf war ein Frauenkloster ( Prämonstratenserinnen ) , und diente dem weitverzweigten Wetterauer Adel dazu, die unverheirateten Töchter standesgemäß zu versorgen. Im Mittelalter herrschte – dank ständiger Kriege und Fehden – Männermangel. Bis in die Reformationszeit (1581) bestand das Kloster.

 Danach fand man keine Verwendung für die Gebäude und überließ sie weitgehend dem Zerfall. Leider sind auch moderne Konzepte eine Kulturstätte aufzubauen, bisher gescheitert. Einige Wirtschaftsgebäude wurden in der Staatsdomäne verbaut, die Klostermauer ist zu großen Teilen erhalten. Reizvoll erhebt sich die Kleinbasilika (1190) mit originellen Schreckköpfen an der Apsis mitten auf dem Gelände. Der Nord-Flügel ist zerstört, der Dachstuhl offen. Kirchen von Frauenklöstern waren auch für die umliegende Bevölkerung geöffnet. Die Bevölkerung versammelte sich im Kirchenschiff. Oberhalb, im hinteren Teil des Langhauses, erhob sich die Nonnenempore. Die tragenden Konsolen sind heute noch erhalten, ebenso Grabsteine von Wetterauer Adeligen. Vermutlich stand auf der Nonnenempore der über Deutschlands Grenzen hinaus bekannte und gut erhaltene Ortenberger Altar. Der Altar ist einzigartig, da er auf Silberfolie gemalt ist, die aufgetragenen Farben sind nicht bunt, wie sonst bei mittelalterlichen Altären, sondern dezent in Grisailletönen ( grau-silber-grün-golden-weiß -schwarz) gehalten. Die Technik war ungeheuer aufwendig und es ist erstaunlich, dass der 700 Jahre alte Altar so gut erhalten ist und die Silberfolie nicht oxidierte. Das Original ist im Landesmuseum in Darmstadt zu bewundern. Bis ins 19. Jahrhundert stand er im benachbarten Ortenberg.

Das Äbtissinnenhaus neben der Kirche ist gut erhalten und frei zugänglich. Wenn man sich im Untergeschoss auf eine der steinernen Sitzbänke setzt und durch das romanische Doppelfenster auf die tief unten vorbeifließende Nidder schaut, so ist das wie ein Zeitsprung ins Hochmittelalter.

Wir fahren auf der B 275 weiter Richtung Ortenberg. Nun ist die Wetterauer Hügellandschaft zu Ende und die Steigung des Vogelsbergs beginnt. Am Ortseingang von Ortenberg biegen wir rechts ab, fahren hoch an der Stadtmauer entlang und erreichen die gut erhaltene Oberpforte, ein wehrhafter Stadtturm aus dem 13. Jahrhundert mit Wehrgang, Gusserker und Zinnen.  Vor uns liegt das Schloss der Fürsten zu Stolberg ( privat) und rechts erhebt sich über der winzigen mittelalterlichen Stadt die Kirche unserer Lieben Frau, heute Evang. Stadtkirche in einem aufgelassenen Friedhof. Die Schüler des Frankfurter Dombaumeisters Madern Gerthener bauten diese Kirche und somit gehört sie zu Frankfurter Bauschule ( Typisch : Kirchen mit einem Turm und einem tief ausgekehlten Spitzgratgewölbe).  Wie alle gotischen Kirchen in Hessen ist auch diese eine Hallenkirche ( drei gleichhohe Kirchenschiffe, die viel Licht in den Raum lassen ). Auf dem Hauptaltar steht eine qualitätvolle Kopie des vorher erwähnten Ortenberger Altars. Doch der eigentümlich silbrige Glanz des Originals, das im Dämmerlicht und Kerzenschein seinen ganzen Zauber entfaltet, kann die Kopie nicht vermitteln.

Originell ist das rustikale Chorgestühl mit Tieren. Wunderschön ausgemalt das Gewölbe in Chor und Langhaus mit Pflanzen und Ornamenten.

Das Städtchen vermittelt hervorragend eine mittelalterliche Stadt in Kleinformat. Enggedrängte Fachwerkhäuser- das Rathaus ist gut erhalten – , weiter unten liegt der winzige Marktplatz mit Brunnen und dann geht es die Straßen hinab bis ins Tal der Nidder mit zwei originalen Wassermühlen. Auch noch ein mittelalterlicher Waschplatz ist zu sehen. Die Liebhaber von Fachwerk kommen hier auf ihre Kosten.

Es geht weiter auf der B 275 Richtung Hirzenhain. Die Steigung nimmt merklich zu. Am Ortsausgang von Hirzenhain führt eine kleine Straße ins Dorf Steinberg. Dort folgen wir einem Hinweisschild zur Weidenkirche, einer Kirche, die ausschließlich aus Naturmaterial besteht und von einem Landschaftsgärtner (Thomas Hofmann ), angelegt wurde. Man findet sie leicht oberhalb des Dorfes gelegen. 2003 beschloss die Dorfgemeinschaft dieses originelle Gotteshaus zu bauen. Und sie wird fleißig für Taufen, Trauungen und Familienfeiern genutzt. In jeder Jahreszeit wechselt sie ihr Aussehen und ist ein wahrer Ort für Meditation.

In Sichtweite lädt ein großer Holztisch mit Bänken zur Rast ein und ich empfehle auch auf dieser Tour eine Brotzeit, die hier eingenommen werden kann.

Der Vogelsberg war früher eine Arme-Leute-Gegend. Das raue Klima, die langen Winter, die karge Landwirtschaft und fehlende große Straßen sorgten dafür, dass mancher abschätzig von Hessisch Sibirien sprach. Was damals ein Makel war, ist heute ein Plus. Traumhafte, unberührt wirkende Landschaften, ein rascher Wechsel von Wald, Wiesen, Bächen und überall herausgeputzte Fachwerkdörfer, lassen den Reisenden begeistert staunen. Das Fachwerk dominiert allenthalben, meistens auf einem stabilen Basalt-Unterbau hochgezogen und natürlich sind hier viele der hessischen Fachwerkkirchen zu finden, deren Bau für die Landleute erschwinglich war.

Wir fahren von Steinberg auf einer kleinen Landstraße Richtung Glashütten weiter, durch ein Waldgebiet und immer weiter nach Eichelsachsen. Auch hier wieder ein Fachwerkidyll mit Fachwerkkirche.

                                 

Jetzt sind wir in der Nähe von Schotten, fahren aber an der Stadt vorbei Richtung Eschenrod, queren die B 276 und erreichen Busenborn. Das Hochplateau des Vogelsbergs ist nun bereits sichtbar. Im nächsten Fachwerkdorf Breungeshain steht eine der größten und bekanntesten Fachwerkkirchen Hessens.

Von dort ist es nur noch eine kurze Strecke bis zum Hoherodskopf. Am Wochenende herrscht hier viel Betrieb, unter der Woche ist es wesentlich ruhiger. In vielen Gaststätten gibt es original hessische Küche. Wurst, Brot, Käse, Bier, Schnaps und Süßes auch zum Mitnehmen. An einem Kiosk mit Sitzgelegenheiten hat man einen weiten Blick auf das Hochplateau. Bequeme Holzliegen laden zum Ausruhen ein.

Geht man den Wanderweg etwas weiter kann man über die ganze Wetterau bis nach Frankfurt schauen. Unverkennbar sind die Hochhäuser, von hier oben ein geradezu unwirklicher Anblick.

Ob mit oder ohne Mittagessen fahren wir weiter, leicht abwärts nach Herbstein, einem reizvollen Bergstädtchen auf der Rückseite des Vogelsbergs gelegen, mit einem weiten Fernblick bis in die Rhön. Unverkennbar sind Wasserkuppe und Milseburg  zu erkennen. Herbstein ist eine größere Fachwerkstadt auf einem Bergkegel mit traumhaftem Blick. Um die geduckte gotische St. Jakobskirche mit überraschenden Kunstschätzen sind zwei Reihen Fachwerkhäuser kreisförmig angelegt, eines schöner als das andere.  Herbstein hat eine eigene, uralte Fastnachtradition, die Tiroler Handwerker im 17. Jahrhundert mitgebracht hatten und die mit einem Springerzug und einem Kaiser jährlich zelebriert wird. Die Kostüme sind eindeutig Tiroler Herkunft. Eine Besonderheit ist das Städtische Museum mit einer extra Fastnachtabteilung.

Nach einem Cafebesuch beginnt die Rückfahrt wieder auf der B 275 Richtung Altenstadt. Teilweise geht es steil bergab.  Noch viel mehr hat die Landschaft um den Vogelsberg zu bieten, dies war nur eine kleine Auswahl.

Wir erreichen wieder die Wetterau und dem aufmerksamen Reisenden werden die vielen Reiterfiguren auf den Dachfirsten auffallen. Die Wetterauer Dachreiter, auf einen Ziegel montiert, sind eine Besonderheit dieser alten Kulturlandschaft. Sie gehen auf die Napoleonszeit, Anfang des 19. Jahrhunderts zurück. Möglicherweise sind sie noch älter. Der eigentliche Ursprung liegt im Dunkel. Sind es Schutzfiguren? Der richtige Dachreiter ist weder industriell hergestellt, auch kein Produkt des Kunsthandwerks, sondern wird von erfahrenen Dachdeckermeistern selbst modelliert und gebrannt. Noch gibt es einige Könner, die diese Tradition beherrschen.

Bald sind Frankfurts Hochhäuser in Sicht und wir beenden unsere Fahrt wieder mit der Rückkehr auf die Friedberger Landstraße.- 

Das Schöne an dieser Landpartie ist: keine Autobahn, nur zwei ruhige Bundesstraßen, viele kleine Landstraßen. Ganz in der Nähe der Großstadt offenbart sich eine andere Welt, eine großartige abwechslungsreiche Landschaft, eine Fundgrube auch für Kulturreisende.

Christina Kupczak