Kulturfenster

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November 2022

Franz Kafka

Franz Kafka (1883-1924) zählt heute zu den wichtigsten deutschsprachigen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts, obwohl er zu seinen Lebzeiten als Autor nur sehr bescheidene Erfolge aufweisen konnte. Als Sohn des Gelanteriewaren-händlers Herrmann Kafka (1852-1932) und Julie Kafka, geb. Löwy (1856-1934) verließ er seine Geburtsstadt Prag, von einigen Sanatoriumsaufenthalten, einem sechsmonatigen Aufenthalt in Berlin und diverser Dienstreisen, nie.

Seine Schulzeit verbrachte Kafkavon 1889 bis 1893 an der Deutschen Knabenschule, bevor er ans Staatsgymnasium wechselte, wo er 1901 die Matura ablegte. Im gleichen Jahr begann er an der Karl-Ferdinands-Universität Chemie zu studieren, entschied sich nach kurzer Zeit jedoch für ein Jurastudium, das er 1906 mit der Promotion abschloss. Nach einem einjährigen Rechts-praktikum am Landes- und Strafgericht seiner Heimatstadt, arbeitete Kafka für den Rest seines Lebens bei Versicherungsgesellschaften. Von 1908 bis 1922 war er für die Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt des Königreiches Böhmen (AUVA) in verschiedenen Positionen (zKonzipist, Vizesekretär, Sekretär und Obersekretär) tätig. Zu seinen Aufgaben gehörten zum einen die Klärung von Rechtsansprüchen bei Arbeitsunfällen, aber auch die regelmäßige Sicherheitsinspektion von Betrieben. Auf diese Weise kam er nicht nur mit Vertretern der Arbeiterschicht, für die er sich sehr einsetzte, in Kontakt, sondern lernte auch die Betriebsabläufe in Betrieben kennen. 1918 erkrankte er an Lungentuberkulose, wovon er sich nie mehr recht erholte und – nach mehreren Sanatoriumsaufenthalten – am 3. Juni 1924 an deren Folgeerkrankungen starb.

Als Literat galt Franz Kafka zu seinen Lebzeiten bestenfalls als Randerscheinung, wenngleich sein schriftstellerisches Talent nicht verborgen blieb. Erste schriftstellerische Versuche reichen zurück bis in die Schulzeit, sind jedoch nicht erhalten. Ein zentrales Ereignis in Kafkas Autorenlaufbahn bildet die Nacht vom 22. auf den 23. September 1912, in nur acht Stunden schrieb er seine Erzählung Das Urteil, nur wenige Wochen später entstand Die Verwandlung, sowie Teile des Romans Der Verschollene (auch bekannt unter dem Titel Amerika). Ähnlich produktiv verlief das Jahr 1914 Wenngleich in der Öffentlichkeit kaum beachtet, genoss er in seinem Freundeskreis (zu dem u. A. auch Franz Werfel gehörte) Ansehen. So ist es seinem Studienfreund, dem Schriftsteller Max Brod (1884-1968), zu verdanken, dass der Hauptteil der Schriften Kafkas erhalten blieb. Kafka selbst war voller Selbstzweifel und wies Brod an, nach seinem Tod den Nachlass vollständig zu vernichten, woran sich Max Brod aber nicht hielt. Ohne dieses eigenmächtige Handeln wären beispielsweise die drei Romanfragmente Kafkas Der Verschollene, Das Schloß und Der Process verloren gegangen.

Zur Literatur Franz Kafkas

Für die einzigartige Ausprägung des Schreibstils von Franz Kafka gibt es mehrere Gründe. Als einer der wichtigsten gilt das sprachliche Umfeld. Im ausgehenden 19. Jahrhunderts bildete Prag nach Wien und Budapest die wichtigste Stadt in der k. u. k. Monarchie. Zu Kafkas Lebzeiten hatte die Stadt zirka 250 000 Einwohner, von denen knapp 30 000 deutschsprachig waren. Die deutschsprachigen Prager stellten jedoch das obere Drittel der Gesellschaft (Bankiers, Industrielle, Verleger ect.). wodurch das Deutsche im öffentlichen Leben eine wichtige Rolle spielte (deutsche Schulen, Universitäten und Theater). Da die nächste deutsche Enklave knapp 50 Kilometer entfernt lag bildete sich mit dem „Prager Deutsch“ ein eigenes Idiom heraus, das frei von Dialekt war und eine klare Struktur besaß, was sich auch im Schriftdeutsch niederschlug. Dies mag prägend für die von Kafka bevorzugte literarische Form der Erzählung gewesen sein, die bei ihm nur wenige Zeilen aber auch an die 100 Seiten umfassen können. Darüber hinaus dürften auch die familiäre Situation (Autorität des Vaters) aber auch die Erfahrungen des Berufsalltags für Kafkas Werke prägend gewesen sein.

 Zu den Besonderheiten der Literatur zählt einerseits die durch klaren Satzbau und überschaubaren Wortschatz erreichte Einfachheit des Sprachstils, die Handlungen sind jedoch stets auf mehreren Ebenen angelegt, sodass ein inhaltliches Verständnis Herausforderungen an den Leser stellt. Die Einflüsse derer sich Kafka bedient reichen von den philosophischen Werken Friedrich Nietzsches über die Lehren Siegmund Freuds bis hin zur jüdischen und christlichen Mystik. Zu seinen bevorzugten Themen gehört das Verhältnis zwischen einem oft anonym gehaltenen Individuum (wie etwa „K“) und einer höheren, ebenfalls unbekannten Instanz, der das Individuum ausgeliefert ist. Diese Vermischung sprachlicher Kargheit mit jenem Zerrbild der Realität wurde später als kafkaesk bezeichnet.

Rezeption

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte Kafka die verdiente Würdigung, wobei er zunächst in den USA und erst ab den 1950er Jahren in Deutschland rezipiert wurde. Neben dem Einfluss auf die Literatur wurde sein Werk auch für andere Bereiche wichtig. Beispielsweise wurde mehrfach  der Process verfilmt (u. A. 1963 von Orson Wells), 1953 verarbeitete der Schweizer Komponist Gottfried von Einem Kafkas Roman zu einer Oper. Das Element des Kafkaesken hielt auch in die Musik Einzug, u. A. produzierte der englische Geiger Nigel Kennedy 1996 ein Album mit dem Titel Kafka.

Lutz Riehl