Kulturfenster

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Juni 2024

You’ll never walk alone – Die Geschichte eines Liedes

Es hat etwas von einem Gottesdienst, wenn bei jedem Heimspiel des FC Liverpool im Stadion an der Anfield Road tausende Fans vor dem Anpfiff das Lied You’ll never walk alone aus voller Kehle schmettern. Dabei hat der knapp zweieinhalbminütige Song im Grunde überhaupt nichts mit Fußball zu tun, vielmehr wird das Überwinden von Lebenskrisen geschildert und seine Ursprünge finden sich gar im ungarischen Theater des frühen 20. Jahrhunderts.

Aber immer der Reihe nach: Komponiert wurde das Lied von Richard Rodgers (1902-1979), den Text schrieb Oscar Hammerstein II (1895-1960), es bildet das Finale des 1945 uraufgeführten Brodway-Musicals Carousel. Das Musical seinerseits ist eine Adaption des 1909 in Budapest aufgeführten Stückes Liliom des ungarischen Schriftstellers Ference Molnár (1878-1952), es gilt als sein berühmtestes Bühnenwerk. In dessen Mittelpunkt steht Liliom, Animateur bei einem Karussell auf dem Rummel. Er verliebt sich in Julie, die bei seiner Chefin, Frau Muskat, Dienstmädchen ist. Darauf hin verlieren beide ihre Arbeit. Als Jule von Liliom ein Kind erwartet, lässt er sich aus Geldnot zur Mitwirkung bei einem Überfall überreden, der jedoch misslingt. Um der drohenden Verhaftung zu entgehen, nimmt sich Liliom das Leben. Nach fünfzehn Jahren im Jenseits wird ihm gestattet, für einen Tag auf die Erde zurückzukehren, er nimmt heimlich für seine Tochter einen Stern mit. Als Bettler verkleidet trifft er Julie und seine Tochter Luise und erzählt ihr die Wahrheit über ihren Vater. Das Kind ist darüber so verstört, dass es vor ihm flieht. Ungnädig schlägt ihm Liliom, der schon zu Lebzeiten zur Gewalt neigte, auf die Hand, aber das Kind verspürt den Schlag nicht, es habe, so berichtet es danach der Mutter, ein liebevolles Streicheln gefühlt.

Rodgers und Hammerstein hatten die Handlung für ihr Musical zum großen Teil übernommen, allerdings verlegten sie die Handlung von Budapest in die USA, auch erhielten die Charaktere amerikanische Rollennamen. Der allzu traurige Schluss Molnárs wurde in der Musical-Version positiver gestaltet. Der Stern, den Liliom (im Musical: Billy) mitgebracht habe, werde der Tochter den rechten Weg im Leben weisen, bemerkt am Schluss die Mutter. Eben bei dieser Wendung gelangt der Song You’ll never walk alone zu seiner ihm ursprünglich zugedachten Bedeutung. Das Musical wurde rasch zu einem Publikumserfolg, nicht zuletzt wegen jenes Liedes, das Frank Sinatra bereits 1946 als Single-Version mit Orchester aufnahm und ihm so zu einem ersten Ruhm verhalf. 1989 sang Sinatra den Song noch einmal anlässlich der Inauguration von George W. Bush sen. als US-Präsident.

Die erste Coverversion dieses Songs ist zugleich die bis heute berühmteste. 1963 brachte die aus Liverpool stammende Band Gerry and the Pacemakers den Song heraus und landeten damit einen Nr. 1 Hit. Bis heute wurde der Song von zahlreichen Künstlern aufgenommen, darunter Elvis Presley, Ireen Sheer, Kiri Te Kanawa und Die Toten Hosen.

Die Tradition, dieses Lied in Fußballstadien zu singen, entstand ebenfalls in Liverpool und geht auf The Kop, den Fanblock im Stadion an der Anfield Road zurück. Anfang der 1960er Jahre war es üblich, dass vor jedem Spiel über die Soundanlage des Stadions die Top 10 aus den Musikcharts gespielt wurden, ab 1963 also auch You’ll never walk alone in der Version von Gerry and the Pacemakers. Als der Song aus den Top 10 flog, setzten die Fans durch, dass das Lied weiterhin gespielt wurde. Einer Legende zufolge soll beim Abspielen des Liedes die Lautsprecheranlage ausgefallen sein, worauf die Fans den Song selbst anstimmten. Seit diesem Tag wird das Lied vor jedem Heimspiel gesungen. Am 15. April 1989 kam es im Hillsborough-Stadium in Sheffield zu einer Zuschauerkatastrophe, da ein Eingangstor ins Stadion zu früh geöffnet wurde und so viele Menschen hereinströmten, das 97 Liverpool-Fans zu Tode kamen. Danach wurde der Titel des Songs in das Vereinswappen von Liverpool aufgenommen.

Das sich das Lied gerade bei Fußballfans so großer Beliebtheit erfreut mag auch damit zusammenhängen, dass es verblüffend einfach konzipiert ist. Zum einen ist der Text inhaltlich alles andere als kompliziert; es geht ums Durchhalten, nach dem Sturm und der Dunkelheit wartet ein goldener Himmel und der Gesang der Lärche, seinen Weg soll man zuversichtlich gehen, denn man geht ihn niemals allein. Das lässt sich ohne weiteres auch auf einen Fußball-Club übertragen, der durch schwere und gute Zeiten geht. Musikalisch ist das Stück sehr melodisch gehalten und verbleibt meistens in C-Dur, zwar wird den Sängern durchaus Höhe abverlangt, aber gerade diese Steigerung wird, wie man in diversen Fan-Videos hören kann, vom Publikum durchaus genossen.

Mittlerweile lassen auch andere Fußballvereine dieses Lied in ihren Stadien singen, in Deutschland sind hier vor allem Borussia Dortmund und der 1. FC Kaiserslautern zu erwähnen. Bei letzterem wird der Song traditionell von den Fans a cappella gesungen. Mittlerweile ist das Lied auch verschiedentlich in Gottesdiensten zu hören. Seit 2022 verwendet Olaf Scholz den Songtitel als politische Parole, 2007 hatte er sogar einen Aufsatz mit diesem Titel verfasst.

Lutz Riehl

Quelle: Artikel in Wikipedia; BluRay: You’ll never walk alone – Die Geschichte eines Songs, ein Film von André Schäfer